Seit einigen Jahren nehme ich an Tastings teil, oder begleite durch ein Tasting – mit Anfängern, Kennern und Profis. Doch eines bleibt immer gleich: Ein gutes Whiskytasting ist nicht nur ein Genussmoment, sondern auch eine Reise durch Aromen, Herkunft und Handwerk. In dieser Anleitung erkläre ich Schritt für Schritt, wie du Whisky richtig verkostest – und worauf es dabei ankommt.
1. Vorbereitung – Der Rahmen zählt
Bevor du den Whisky ins Glas gibst, sorge für die richtigen Bedingungen:
• Ruhige Umgebung:
Aromen lassen sich besser erfassen, wenn keine starken Fremdgerüche (z. B. Parfüm, Essen, Rauch) stören.
• Das richtige Glas:
Ein Nosing-Glas (z. B. Glencairn) bündelt die Aromen optimal.
• Temperatur:
Zimmertemperatur (ca. 18–22 °C) ist ideal. Zu kalt oder zu warm verfälscht den Eindruck.
• Kein starker Kaffee oder Menthol vorher:
Sie beeinflussen die Wahrnehmung erheblich.
2. Der erste Eindruck – Das Auge trinkt mit
Beobachtung der Farbe
Halte das Glas gegen einen weißen Hintergrund. Die Farbe verrät oft etwas über:
• Alter & Fassart:
Ein dunkler Bernstein-Ton weist oft auf Sherryfässer hin, ein heller Goldton auf Ex-Bourbon-Fässer.
• Beispiel:
„Kräftiges Kupfer mit rötlichem Schimmer – deutet auf ein Finish in First Fill Sherry Casks hin.“
Hinweis:
Die Farbe kann „manipuliert“ sein (z. B. durch Zuckerkulör). Das sollte bei der Bewertung berücksichtigt werden.
3. Der Geruch – Nosing
So gehst du vor:
1. Glas leicht kreisen lassen (nicht zu stark – Alkohol verfliegt).
2. Nase langsam ans Glas führen, nicht direkt tief einatmen.
3. In mehreren Etappen riechen – oft verändert sich der Eindruck mit der Zeit.
Was du beschreiben kannst:
• Fruchtig: Apfel, Birne, Rosinen, Trockenfrüchte
• Malzig: Biskuit, Brot, Getreide
• Holz/Fass: Vanille, Karamell, Eiche, Leder, Tabak
• Rauchig: Torf, Asche, Lagerfeuer, medizinisch
• Würzig: Pfeffer, Nelke, Muskat, Zimt
Beispielbeschreibung:
„In der Nase zeigen sich reife Pflaumen, Rosinen und ein Hauch von Leder. Im Hintergrund feine Vanillenoten und ein Anklang von gerösteten Haselnüssen.“
4. Der Geschmack – Tasting
So gehst du vor:
1. Einen kleinen Schluck nehmen – nicht sofort schlucken!
2. Den Whisky im Mund „rollen“, um alle Bereiche zu erreichen.
3. Achte auf Textur, Süße, Säure, Würze und Balance.
4. Erst nach dem Schlucken auf die Nachwirkung achten.
Wichtige Fragen:
• Wie fühlt sich der Whisky an? (Ölig, cremig, wässrig?)
• Welche Aromen zeigen sich im Vergleich zur Nase?
• Gibt es Überraschungen?
Beispielbeschreibung:
„Weicher Antritt mit Honigsüße, gefolgt von kräftigen Gewürznoten – Zimt, Nelke, schwarzer Pfeffer. Dann setzt eine dunkle Schokoladennote ein, begleitet von getoasteter Eiche.“
5. Der Abgang – Finish
Der Abgang ist das, was bleibt, wenn du den Whisky geschluckt hast.
Beachte:
• Länge: Kurz, mittel oder lang?
• Verlauf: Entwickeln sich neue Noten?
• Mundgefühl: Trocken, süß, bitter, wärmend?
Beispielbeschreibung:
„Langer, wärmender Abgang mit Noten von Orangenschale, dunklem Kakao und etwas Pfeifentabak. Trockenes Finish mit anhaltender Eichenwürze.“
6. Wasser hinzufügen – Ja oder nein?
Ein paar Tropfen Wasser können komplexe Whiskys „öffnen“ und versteckte Aromen freilegen. Besonders bei Fassstärken (Cask Strength) empfehle ich, schrittweise zu verdünnen.
Beispiel:
„Mit wenigen Tropfen Wasser tritt die Fruchtigkeit stärker hervor – getrocknete Aprikosen und kandierter Ingwer ersetzen die zuvor dominanten Holznoten.“
7. Dokumentieren & Vergleichen
Führe ein Tasting Book oder nutze eine App, um deine Eindrücke festzuhalten. Das trainiert deine Sensorik und hilft, Favoriten wiederzufinden.
Wichtige Kriterien:
• Nase
• Geschmack
• Abgang
• Alkoholvolumen
• Reifung/Fassart
• Gesamturteil (Punkte oder Notizen)
Fazit – Tasting ist Training und Genuss zugleich
Ein gutes Tasting braucht Zeit, Konzentration und Neugier. Es ist wie ein Gespräch mit dem Whisky – jede Flasche erzählt ihre eigene Geschichte. Mit Übung verfeinert sich die Wahrnehmung, und mit jeder neuen Abfüllung wächst das Verständnis.
Ganz gleich, ob du Einsteiger oder erfahrener Genießer bist: Lass dich leiten von deinem eigenen Eindruck – und vergiss nie, dass Geschmack immer subjektiv ist.
Slàinte mhath!